Aus der Krise zurück in die Dankbarkeit

- zuletzt geändert am 13.August 2018

Es rockt weiter. Nach Turbolenzen im Familiensystem geht es gleich weiter zum materiellen K.o.-Schlag mit mittelbarer und symbolischer Wirkung. Denn wenn im Garten die einzige Wasserversorgung weg bricht, ist das im heißesten und trockensten Sommer seit langer Zeit gar nicht lustig. Anja hat mal nachgeschaut, dieser Sommer ist wohl seit ca. 200 Jahren Rekord. Jedenfalls verabschiedete sich vor einigen Tagen – genauer am Dienstag, genau einen Tag nach der Bestattung für meine Halbschwester – unsere Tiefbrunnenpumpe nach einer halben Stunde Laufzeit, ging einfach aus. Schock; Lebensader des Gartens adè, weil viel zu wenig Regen seit Mai. Dankbarkeit àde. Hallo Frust. Wir wollten doch eigentlich feiern, dass ich ein schwieriges und Kraft zehrendes Familienkapitel hinter mich gebracht hatte. Der erste Wassertank war nicht mal halb aufgefüllt, da ich erst einmal Hecken und Beete versorgen wollte, als sich die Pumpe entschied still zu schweigen. Kein Gold. Toller Plan. 10 min Wartezeit und noch einmal probiert – nichts. Das haute richtig rein und – 2018 wird das wohl langsam zur Gewohnheit – wieder schnaubte ich dem Universum nur noch entgegen: „Du Arsch. Ich hab die Schnauze voll! Das war’s, ich kündige! Was nimmst du eigentlich?! Admin? ADMIN?! Wie soll man denn, wie geht es denn, dass…“ na und so fort. Heul keuch schnaub krampf. Immerhin 1300 Euro für ein Edelmodell von GRUNDFOS in über 20m Tiefe und dann das. Und unser Brunnenfuzzie? Hat wieder mal keine Zeit, ist ja auch nur ’ne Havarie. Tja, da bleib mal ruhig. Da kamen erstmal Emotionen wie Hilflosigkeit, Frust, Ärger. Ich sah schon alles verdorren, schließlich sind im Wildbereich die ersten jungen Lärchen und Robinien tot, Linde und Esche scheinen zu folgen. In den hecken sind immer mehr Lücken zu sehen, wegen abgestorbener Blätter und Zweige. Das hilft die Kapillarwirkung des Lehmbodens auch nichts mehr; er ist metertief staubtrocken und betonhart.
Was auch immer in diesem Jahr transformiert werden wollte, meine Geduld wurde das diesmal auf jeden fall – in Wut. Echt, es reicht. Verdammte Sauerei. Hört dieser Blödsinn denn gar nicht mehr auf?
Und heute, ich hatte so das Gefühl, es gegen die Vernunft nochmal zu versuchen, springt das Teil frech wieder an – als ob nie was war. So dass ich mich mit meinem schönen, anstrengenden Egoanfall wie ein Vollidiot fühle und Fragezeichen habe, so groß wie Wolkenkratzer. Okay Doc, ich bin soweit, werfen Sie mich in den Jacke. Offenbar will das Universum nur noch eines: Dass ich meinen Verstand verliere.

Soweit der Stand vom Ego aus betrachtet…

… doch nun kommen wir zu etwas völlig anderem.

Nummer eins, die Dankbarkeit.

Die braucht zum Glück weniger Worte, nur ein Lächeln, die Freude, dass alles gar nicht so schlimm ist wie es eben noch aussah. Wie immer. Dass all die schwierige und holprige Zeit, all der Schmerz und der Verlust immer auch neue Türen zeigt. Dass man nur die Perspektive zu verändern braucht, dazu nur den Mut braucht, um dem Würgegriff des Egos zu entfliehn und sich in die wunderbare Welt der Dankbarkeit hoch zu schwingen.

Es war so: Ich fragte unsere Devara am Abend nach dem Desaster um Rat. Sie ist eine fantastische, sehr kommunikative und liebevolle Begleiterin in unserem Leben geworden. Meine Frage lautete: Hat es noch Sinn? Haben wir zu groß geträumt? Ist es besser, aufzugeben, was kleineres zu suchen, mit Strom- und Wasseranschluss, ohne den elenden Wind und ohne im Ego verhaftete Nachbarn mit ihrer selbstgefälligen Art? Die Antwort war eher eine Erwiderung und lautete etwa so: Denk es doch mal zu Ende. Probiere mögliche Alternativen gedanklich aus und geh es Schritt für Schritt durch.
Wow. Kein „He, ist doch nicht so schlimm, sei dankbar für das und jenes. Du hast es bisher doch immer geschafft“ und so fort.
Also rekapitulierten Anja und ich ganz nüchtern mal die letzten 9 Jahre, in denen wir uns aus Wildnis versuchten etwas aufzubauen. Gut, es sind genauer 4 ein halb Jahre, denn Ende 2013 kauften wir ja erst und dann ging die große Umplanung los, da die Grenzen der Pachtgrundstücke sich seltsamerweise nicht mit denen der Grenzsteine decken. Dafür wollte die HGW dann für unser eigenes Land noch Pacht kassieren, doch das ist eine andere Geschichte. Das Fazit: 30000 investiert und man sieht es nicht. So fühlten wir uns da einfach; andere haben es ja viel leichter, wir kämpfen immer noch mit dem Gras, was wir wässern müssen bei dem Steppenwind. Die dämlichen Wildschweine, denen ich extra Eichen frei machte und Pfähle einschlug, müssen sich natürlich einen der wenigen Apfelbäume zum Schubbern greifen. Die Wühlmäuse und Maulwürfe haben in diesem Jahr quasi alle Beete und Bäumchen unterhöhlt. Und der Wind, dieser elende Wind! Zig Obstsorten gingen schon kaputt, , sogar alte und richtig harte. Ich kauf mir ein Kamel und pflanze Steppengras. So viel Geld und Mühe, Lebenszeit… Und jetzt auch noch der Brunnen. Hat doch alles keinen Sinn.

Osho sagte einmal, das Ego ist wie ein Apfel. Es hat keinen Sinn, diesen Apfel zu pflücken, bevor er nicht reif ist. Und dann wird er ganz von selbst hinunter fallen. Selbstredend sind sämtliche Versuche, das Ego zu überwinden, komplette Zeitvergeudung und erreichen eher das Gegenteil. Doch sich der Macht des Egos gewahr zu sein, seine Mechanik und Methodik zu verstehen, das halte ich für sehr wichtig.

Nachdem wir unserem Frust also den nötigen Raum gaben, suchten wir umgehend nach anderen Möglichkeiten. Die gibt es ja durchaus auch in unserer überteuerten Gegend und unser Land hat durch Brunnen, sehr guten Boden und die vielen Pflanzungen auch einen viel höheren Wert als damals. Doch dann kam es, gleich in der Nacht und am Folgetag. Es war die leise Stimme des Herzens, die sagte: Denk an all die Momente des Glücks, des Staunens, der Freude, des Erfolgs. Denk an die seltenen und schönen Tiere, die vielen Vögel und Insekten, denk an die schönen Stunden im Abendwind und an das wunderbare Gefühl, geerntete Früchte in der Hand zu halten und dann zu genießen. Bedenke, wie lange es gebraucht hat, um aus diesem Land so eine Oase zu schaffen und wie sie weiter von Jahr zu Jahr schöner wird. Schau, was du schon alles probiert und gelernt hast, welche Erfolge du trotz der Fehlschläge zu verbuchen hast, welche Niederlagen und welche Siege du davon getragen hast. Das alles verbindet dich mit diesem, euren Stückchen Erde. Willst du das alles wirklich aufgeben, für einen neue Ungewissheit? Wie fühlt es sich an, das neue, ungewisse Ufer? Glaubst du, dort wird alles einfacher sein, nur weil du die Herausforderungen dort noch nicht kennst?

Ich war ratlos. Natürlich würden wir es nicht gern tun, doch es schien schon finanziell alles über unseren Koipf zu wachsen. Dann ging ich langsam ins Details, machte mir Schritt für Schritt einen Plan, wie ich es in einer Krise immer mache. Während Anja weiter nach Alternativen suchte, begann ich zuerst das technische Problem zu lösen. 300 Euro, aha, das geht auch. Diese Pumpen haben weniger Druck, aber es würde schon gehen. Nur der Ausbau, der Wechsel der Pumpen – sowas von keine Ahnung. Doch ein Freund war gleich hilfsbereit und eigentlich kann es doch gar nicht so schwer sein, oder? Habe schließlich das Schrotti-Gen und so vieles schon hin bekommen, was mir neu war. Anleitungen gibt es online auch genügend. Also gut, das klappt schon irgendwie. Nun zu den Obstbäumen. Raus mit allem, was nicht richtig gut klar kommt, keine Hinterherhecheln mehr.  2 Jahre richtig Krise und die zeigen einfach: der Apfelbaum dort muss weg, die Birne da, die Aprikose dort und diese Kirsche. Raus, raus, raus und schon ist mehr Platz für mehr von den Sorten, die uns beweisen, dass sie es bei uns schaffen. Und das Bewässerungssystem werde ich auch optimimieren: Die Anzahl der Reservetanks wird erhöht und schon bei Halbstand wieder aufgefüllt, es wird ab jetzt also immer eine 50%ige Notreserve gelassen. Und alle Beete und Kastenbeete werden auf je einer Fläche zusammengefügt und Membranschläuche verlegt, um die Bewässerung noch effizienter zu gestalten. Es wird beizeiten eine zweite Pumpe gekauft, gebraucht und als Reserve. Noch mehr Mulch auf die Baumscheiben und noch weniger Sorgen. Alle Beete werden noch enger in einen einzigen Bereich gelegt, was die Pflege erleichtert. Und so weiter.

Zwergkaninchen futtert Wildkräuter

Wieder zu Gast: das süße Kaninchen unserer Nichten. So ein Anblick hilft schnell, jeden Ärger zu vergessen.

Der Frust verschwand. Ich fühlte mich sogar richtig gut, im Planen und Tun, gar nicht mehr hilflos. Unn da der Brunnen wieder läuft, haben wir ja faktisch 300 Euro mehr für die Gartenkasse. Nun werden all die genannten Punkte zur Optimierung Schritt für Schritt umgesetzt. Wir waren ja eh dabei, alles Stück für Stück pflegeleichter und durchdachter zu gestalten, jetzt haben wir einen noch stärkeren Antrieb dafür. Und haben auch eines noch einmal gelernt: Im Notfall kann einen allein der Gedanke, etwas sehr wichtiges loszulassen, sehr befreien. Kann den Blick klären, Ketten sprengen und einen ermuntern, eine andere Perspektive einzunehmen. Diese Welt in der wir leben, verführt einen allzu schnell dazu sich zu binden und dabei kann man das Fliegen (in den Gedanken) schnell vergessen. Es ist manchmal besser, wie der Wind zu sein.

Un noch eins: Allein der Fakt, dass man etwas verlieren kann zeigt, wie viel man bereits gewonnen hat. Uns so besinne ich mich und sage: Danke. Danke für dieses Leben, danke für all die Möglichkeiten und danke auch für all die Momente in denen ich vergesse, dass ich in dieser Welt nur zu Gast bin. Danke für das Erwachen das folgt.

 

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